24. Juni 2020

„Unsere Sozialunternehmer sind sehr leidenschaftliche Menschen.“

Corona und in der Folge mehr Armut bleiben gewaltige Herausforderungen. Wie wir ihnen am besten im Netzwerk begegnen, erklären uns der Leiter der Stay Alliance Uganda Ernest Namanya Rwendeire und der Projektleiter für Uganda Daniel Ostertag.

Redaktion: Ernest, du bist nach über sechs Jahren Erfahrung im Management an anderer Stelle seit März dieses Jahres der Executive Director der LATEK Stay Alliance Uganda. Was hat dich davon überzeugt, dass LATEK der richtige Ort für dich ist?

Ernest: Für mich sind die Vision und die Schwerpunktbereiche die wichtigsten Gründe. Wir haben hier in Uganda Herausforderungen beim Zugang zu Gesundheit, Bildung und nachhaltigen Einkommen. Die LATEK Stay Alliance will die Dinge nachhaltig verbessern - und nur so können wir als Uganda vorankommen. Die LATEK Stay Alliance hat ein Rückvergütungselement, das sich nicht darauf konzentriert, auf ewig Hunderte von Spenden zu vergeben. Sie versucht, Einkommen für die wirklich Armen zu schaffen.

Redaktion: Corona ist eine große Herausforderung für uns alle. Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung für arme Menschen in Uganda?

Ernest: Ich würde sagen, es handelt sich um eine Reihe von Herausforderungen, die alle gleichzeitig auftreten und vor allem die armen Menschen betreffen. Dazu gehört der Zugang zu Lebensmitteln und Gesundheitsdiensten. Wir hatten ja einen Lockdown, und die meisten Menschen arbeiten von der Hand in den Mund. Sie haben keine ausreichenden Ersparnisse und Probleme beim Zugang zu Nahrungsmitteln. Es gab also viel Hunger. Die Regierung half zwar, aber das war natürlich nicht genug. Menschen, die von der Landwirtschaft abhängig sind, hatten keinen Zugang zu den Märkten, weil sie nicht wussten, wie sie ihre Ernte und andere Produkte zu den Märkten transportieren sollten. Und auch die höheren Transportkosten waren ein großes Problem. Auch Zugang zur Gesundheit: Viele Menschen scheuten die Gesundheitseinrichtungen und diejenigen, die kein privates Auto hatten, konnten sich überhaupt nicht bewegen. Auch der Zugang zu Bildung war eine große Herausforderung, da die Schulen geschlossen wurden.

Redaktion: Sind die Schulen jetzt wieder geöffnet?

Ernest: Nein, sie sind noch nicht geöffnet. Aber die meisten Schulen haben Online-Dienste eingeführt. Das Problem ist, dass arme Menschen keinen ständigen Internetzugang haben. Das macht vielen Schwierigkeiten beim Zugang zu Bildung.

Redaktion: Vor wenigen Monaten hat die Stay Alliance binnen weniger Tage ein Corona-Präventionsprogramm auf die Beine gestellt. Was waren die Gründe dafür, dass das so schnell gehen konnte?

Ernest: Ich schreibe dies zwei Faktoren zu. Der eine ist die enge Arbeitsbeziehung zwischen den Teams hier in Uganda und in Deutschland. Obwohl ich neu in diesem Job war, konnte ich trotzdem schnell mit dem Team arbeiten. Der andere Faktor ist, dass wir ein Netzwerk von Sozialunternehmen haben, die eng und effizient mit uns in der LATEK Stay Alliance Uganda zusammenarbeiten.

Daniel: Da stimme ich voll zu. Es besteht eine gute und vertrauensvolle Arbeitsbeziehung zwischen der Stay Alliance unter Ernests Führung und den Mitgliedsunternehmen. Wenn er sie anruft, reagieren sie schnell. Der Verband ist wirklich funktional, er ist aktiv, und nicht nur auf dem Papier. Die Mitglieder helfen sich gegenseitig und erreichen ihre Ziele gemeinsam, sie bringen wirklich Ergebnisse hervor. Aber ich glaube, eines kommt noch hinzu: Diese Pandemie haben alle zur Priorität gemacht. Besonders in Uganda. Das Land erkannte vor vielen anderen Ländern, dass sie eine echte Bedrohung darstellte. Und ich denke, das gilt auch für LATEK. Sie nahmen ihre Verantwortung als ein Netzwerk wahr, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Armut zu verringern und die Lebensgrundlagen der Menschen zu schützen. Das gilt für die Mitglieder, aber insbesondere für Ernest selbst, der, wie er sagte, erst seit ein paar Wochen im Einsatz war und eigentlich gerade für vor-Ort-Besuche unterwegs war, als er unerwartet ein Präventionsprojekt entwerfen musste. Er war immer für uns verfügbar. Manchmal sprachen wir mehrmals am Tag. Die Tatsache, dass er es zu einer Priorität gemacht hat, hat uns geholfen, das Programm so schnell in die Tat umzusetzen.

Redaktion: Ernest, wie wurden die Gesundheitstrainer und „tippy taps“ in den Dörfern empfangen?

Ernest: Der Empfang war überwältigend, eigentlich sogar besser als wir erwartet hatten. Denn tippy taps sind etwas Einfaches, bei dem lokale Materialien verwendet werden, um eine Gelegenheit zum Händewaschen zu schaffen. Man muss sich vorstellen, viele Menschen haben ihr normales Geschäft betrieben, und plötzlich kommt irgendeine seltsame Krankheit, alles wird stillgelegt und sie haben Angst, dass sie vielleicht ins Krankenhaus müssen. Zu diesem Zeitpunkt kamen unsere Sozialunternehmer, die mit LATEK und Stay zusammenarbeiten, mit ihren Schulungen, Kipphähnen und Flüssigseife in die Gemeinde, um konkret zu helfen.

In vielen Gemeinden haben die Menschen die tippy taps angenommen. Sogar in den Bezirken, die unsere Sozialunternehmer nicht erreicht haben. Denn zu diesem Zeitpunkt hatten die Menschen begriffen, wie wertvoll die tippy taps sind. Also machten sie sich auf den Weg und verbreiteten das Wissen auf eigene Kosten. Ich glaube, wir haben einen großen Beitrag dazu geleistet, die Ausbreitung von Covid-19 in unseren Gemeinden und sogar darüber hinaus einzudämmen.

Redaktion: Was waren die größten Herausforderungen in Bezug auf das Corona-Präventionsprogramm?

Daniel: Die größte Herausforderung war der Lockdown. Als wir das Programm planten, gingen wir natürlich davon aus, dass wir Zugang zu den Gemeinden haben würden. Alles drehte sich ja darum, tatsächlich mit den Menschen zu sprechen, um sie für Hygiene und Schutzmaßnahmen zu sensibilisieren. Als der Lockdown kam, hatten zwei der fünf Mitgliedsorganisationen bereits die Ausbildungen der Gesundheitshelferinnen und -helfer abgeschlossen. Aber für die Ausbildung der anderen mussten wir die Ausbilder vor Ort einsetzen. Und private Autos waren nicht erlaubt. Also mussten die anderen Organisationen mit den Behörden sprechen und ihnen ihr Konzept erklären. Letztendlich waren sie damit erfolgreich und bekamen die Erlaubnis zum Autofahren. Das hätten wir von Deutschland aus nie erreichen können. Unsere Mitgliedsorganisationen hatten bereits vorher enge Beziehungen zu den Gesundheitsbehörden. Zum Beispiel lädt eines unserer Mitglieder, RUHEPAI, regelmäßig Regierungsbeamte in sein Büro ein. Und das ist es, was das Programm zum Laufen gebracht hat: Zusammenarbeit mit Einheimischen, die ihr Beziehungsnetz haben. Inzwischen sind alle Schulungen abgeschlossen.

Ernest: Ich stimme zu, dass der Lockdown die größte Herausforderung war. Die Dinge geschahen so schnell, dass unsere Pläne über Nacht geändert werden mussten. Aber die Sozialunternehmer in unserem Bündnis sind sehr leidenschaftliche Menschen. Sie wollten auf jeden Fall, dass ihre Heimatgemeinden eine solche Katastrophe überleben. So haben sie die nötigen Genehmigungen bekommen.

Redaktion: Wie können Einkommen dazu beitragen, Afrika widerstandsfähiger gegen künftige Krisen zu machen?

Ernest: Einkommen ist ein enormer Faktor für die Widerstandsfähigkeit: Starke eigenständige Unternehmen, die aus eigener Kraft überleben können und nachhaltige Einkommensquellen für die Menschen darstellen. Natürlich braucht uns das Land als LATEK genau hier, denn unser Ziel ist die Schaffung nachhaltiger Einkommen. Wenn eine solche Katastrophe dann in der Zukunft eintritt, werden diese Menschen besser vorbereitet und widerstandsfähiger sein.

Ein anderer Faktor ist die Integration von IT- und Online-Elementen in die Unternehmen. Die Internet-Technologie versetzt sie in die Lage, sich mit verschiedenen Menschen zu vernetzen. Im Krisenfall können sie Informationen austauschen, die helfen können, solche Krisen abzuwenden oder zu überleben. Und dann gibt es den Bildungs- und Gesundheitssektor: Mit Bildung können wir Menschen stärken. Was die Gesundheit betrifft: Bei den meisten Krisen müssen die Gesundheitsdienste ihr Bestes geben. Sie brauchen Ausrüstung und Arbeitskräfte.

Daniel: Ein weiteres zentrales Thema sind individuelle Ersparnisse. Wir sehen oft Familien, die keine Ersparnisse und keine Krankenversicherung haben, wenn ein Kind oder eine ältere Person in ihrer Familie krank wird. Es handelt sich nicht um eine nationale Krise, sondern um eine Haushaltskrise. Viele Familien verkaufen dann ihre Ziegen oder Schweine. Das wirft sie zurück, weil sie ausgerechnet das Vermögen verlieren, das die Grundlage für ihr Einkommen bildet. Gewöhnlich sparen die Menschen lieber für Bildung, weil sie nie sicher sein können, ob ihre Rücklagen für Krankheiten jemals benötigt werden. Unser Mitglied RUHEPAI greift diesen Punkt auf und hilft, Ersparnisse speziell für den Krankheitsfall aufzubauen. Für uns ist es sehr lehrreich, die Realitäten vor Ort kennenzulernen und zu fragen, wie wir helfen können, um häufig auftretenden Krisen vorzubeugen.

Redaktion: Ernest, wie ist der aktuelle Stand bei den Einkommensprogrammen?

Ernest: Das Wichtigste hinter diesen Programmen ist die Verbesserung der Lebensgrundlage durch wirklich nachhaltige Einkommen. Im Moment führen wir zwei Programme durch: Die Ausbildung im Bereich Schweinezucht und die Forstwirtschaft. Und weitere Programme folgen, zum Beispiel Ausbildungen im Bereich Bienenzucht und zum Anbau von Bio-Getreide. Wir hoffen, so viele Menschen wie möglich aus der Armut zu befreien. Zusammen hoffen wir, die notwendigen Mittel aufbringen zu können, um diese Konzepte auf den Weg zu bringen und großflächig auszurollen.

Redaktion: Auf unserer Gala im November wurden Preise an Stina Foods, Somero und Golden Bee verliehen. Was ist daraus geworden: Haben die zusätzlichen Ausbildungen bereits begonnen?

Ernest: Zunächst gratuliere ich den Gewinnern, da ich letztes Jahr ja noch nicht bei der Gala dabei war. Natürlich bekamen die Organisationen ihr Geld und haben damit die zusätzlichen Ausbildungen durchgeführt. Heute setzen die Absolventinnen und Absolventen ihre Fähigkeiten in ihrem täglichen Leben ein. Aber das ist nicht alles: Diese preisgekrönten Konzepte hatten das Potenzial, das Leben von viel mehr Menschen zu verändern. Deswegen entwickeln wir sie zu Programmen weiter.

Redaktion: Ernest, wie fühlt es sich nach den ersten 100 Tagen an, bei Stay zu arbeiten?

Ernest: Ich bin in bester Laune und freue mich darauf, die Vision voranzutreiben. Denn für mich ist LATEK nicht nur ein Job, sondern etwas, das ich liebe. Wenn ich in eine Gemeinde gehe und mir Leute sagen, dass ich nach einem der Programme dieses Land gekauft oder dieses Haus gebaut habe, lässt sich meine Zufriedenheit nicht mit Geld aufwiegen, das mir irgendwer bezahlen könnte. Ich glaube, ich bin hier am richtigen Ort.

Autor

Andreas Kugler

Andreas Kugler arbeitet ehrenamtlich bei Stay und trägt dazu bei, dass die Stiftung und ihr neuer Weg in der Armutsbekämpfung immer bekannter werden.

 

Sieh alle Blogs von Andreas Kugler